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Kraftfutter

Energiebombe und die Biochemie

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Ein Blick in die Futterkammern zeigt oft ein Bild des Überflusses: Bunte Müslis, duftende Pellets und komplexe Mischungen. Doch physiologisch betrachtet ist das Pferd ein Dauerfresser von kargem Steppengras. Sein Verdauungstrakt ist auf die Fermentation von Rohfaser im Dickdarm spezialisiert, nicht auf die Verdauung großer Stärkemengen im Dünndarm. Wer Kraftfutter füttert, greift massiv in dieses System ein.

 

Das große Missverständnis

Der häufigste Fütterungsfehler ist die Verwechslung von Energie (Kalorien) mit Vitalstoffen (Mineralien/Vitamine).

Viele Besitzer glauben, ihr Pferd sei unterversorgt, wenn es kein Kraftfutter bekommt.

Ein gesundes Pferd mit guten Zähnen im Erhaltungsbedarf oder bei leichter Arbeit (ca. 1 Stunde Dressur/Gelände) deckt seinen Energiebedarf zu 100% aus hochwertigem Heu.

Gibst du einem solchen Pferd Kraftfutter, füllst du einen bereits vollen Tank noch weiter auf. Die überschüssige Energie wird als Fettdepot gespeichert oder belastet den Stoffwechsel (Insulinresistenz). Ein Freizeitpferd braucht in der Regel kein Kraftfutter, sondern nur ein passendes Mineralfutter.
 

Warum der Dünndarm das Nadelöhr ist

Wenn das Pferd wirklich mehr Energie braucht (Sport, Zucht, Alter), ist Getreide der klassische Lieferant. Doch hier gibt es ein anatomisches Limit: die Amylase-Aktivität.

Um Stärke (aus Getreide) in Energie umzuwandeln, braucht der Körper das Enzym Amylase. Pferde produzieren davon im Vergleich zum Menschen nur sehr wenig.

Der Dünndarm kann pro Mahlzeit nur maximal 2g Stärke pro kg Körpergewicht verdauen.

Fütterst du mehr (oder schwer verdauliches Getreide), fließt die unverdaute Stärke in den Dickdarm.

Dort gehört Stärke nicht hin! Sie wird von Bakterien explosionsartig fermentiert. Dabei entsteht Milchsäure, der pH-Wert sinkt, und die guten darmfreundlichen Bakterien sterben ab. Die Folgen reichen von Blähungen und Kotwasser bis hin zur Hufrehe.
 

Hafer, Gerste und Mais

Warum empfehlen fast alle unabhängigen Experten Hafer, während die Industrie Gerste und Mais in Müslis mischt? Die Antwort liegt in der Mikrostruktur der Stärkekörner.

Der Hafer

  • Struktur: Die Stärkekörner des Hafers sind locker angeordnet und weich. Die körpereigenen Enzyme können sie im Dünndarm leicht "knacken".

  • Verdaulichkeit: Hafer hat eine präcaecale (dünndarm-) Verdaulichkeit von 80–90%.

  • Ganz oder Gequetscht: Ein Pferd mit gesunden Zähnen kann ganzen Hafer problemlos zermahlen. Gequetschter Hafer bietet keinen Mehrwert, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Sobald die Spelze gebrochen ist, oxidieren die wertvollen Fettsäuren durch den Kontakt mit Sauerstoff. Der Hafer wird ranzig, verliert Vitamine und verdirbt schnell (Schimmelsporen). Deshalb immer Ganzer Hafer für gesunde Pferde!

Gerste und Mais

  • Struktur: Bei Gerste und Mais sind die Stärkekörner in einer harten Proteinmatrix (kristallin) eingeschlossen und extrem fest verbunden.

  • Verdaulichkeit: Die Enzyme des Pferdes beißen sich daran die Zähne aus. Unbehandelt liegt die Verdaulichkeit im Dünndarm nur bei ca. 20–30%. Der Rest landet als "Gift" im Dickdarm (siehe oben).

  • Die Lösung: Gerste und Mais sind für Pferde nur verträglich, wenn sie hydrothermisch aufgeschlossen (gepoppt/geflockt unter Hitze und Druck) sind. Ganze, geschrotete oder gewalzte Körner sind Risikofutter!

 

Das Ca:P-Verhältnis

Getreide hat eine chemische Tücke: Es enthält sehr viel Phosphor (P), aber kaum Calcium (Ca). Dieses Ungleichgewicht greift nicht nur einen Knochen an, sondern destabilisiert das gesamte Skelett.

Der Körper benötigt ein Verhältnis von Calcium zu Phosphor von etwa 2:1. Calcium ist essenziell für die Herzfunktion und die Muskelkontraktion. Da diese Funktionen überlebenswichtig sind, hält der Körper den Calciumspiegel im Blut unter allen Umständen stabil (Homöostase).

Fütterst du große Mengen Getreide ohne Ausgleich, signalisiert der Phosphor-Überschuss dem Körper Handlungsbedarf. Um das Phosphor zu neutralisieren und den Blut-Calcium-Spiegel zu retten, schüttet der Körper Parathormon aus. Dieses Hormon befiehlt, Calcium aus den eigenen Knochen herauszulösen.

Das Pferd "frisst" quasi sein eigenes Skelett auf. Dies betrifft alle Knochen:

Die Knochendichte nimmt ab (ähnlich der Osteoporose). Die Knochen werden weich, elastischer und brüchig.

Es steigt das Risiko für Ermüdungsbrüche (Fissuren), Griffelbeinbrüche, unerklärliche Lahmheiten und Abrisse von Sehnenansätzen (da der Knochen, an dem die Sehne zieht, porös wird).

Das Endstadium ist die "Müllerkrankheit". Wenn der Prozess lange fortschreitet, ersetzt der Körper das fehlende Knochenmaterial durch minderwertiges Bindegewebe. Am Schädel wird dies sichtbar als "Big Head Disease" (aufgetriebene Gesichtsknochen). Doch bevor der Kopf dick wird, sind die Beine oft schon lange davor geschädigt.

Wichtig: Wer Hafer füttert, muss zwingend ein passendes Mineralfutter (Calciumreich) oder eine calciumreiche Komponente wie Luzerne oder Rübenschnitzel gegenfüttern, um das Verhältnis auszugleichen.

 

Kritik am Müsli

Warum ist Müsli so beliebt, wenn Hafer physiologisch überlegen ist? Es ist das Marketing für den Menschen.

Um Staub zu binden und Pellets haltbar zu machen, enthalten viele Müslis Melasse (Zucker). Das schmeckt dem Pferd, belastet aber den Insulinspiegel.

Oft finden sich Zutaten wie Haferschälkleie, Dinkelspelz oder Grünmehl weit oben auf der Liste. Das sind oft günstige Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie, die Volumen bringen, aber wenig Nährwert für das Pferd haben.

Ein Pferd braucht keine "Kräuterwiese mit Apfeltrester und Erbsenflocken" im Trog. Es braucht eine gezielte Mineralisierung und nur wenn nötig eine saubere Energiequelle (Hafer/Öl). Müsli erschwert oft die Berechnung der tatsächlichen Nährstoffzufuhr.

 

Goldene Regeln

Wenn das Pferd es wirklich braucht und Kraftfutter gefüttert wird, muss die Physiologie respektiert werden:

  1. Erst Heu, dann Hafer: Heu bildet im Magen einen "Faserteppich", der verhindert, dass das schwere Kraftfutter in den sauren Magenbereich absinkt ("Schichtung des Mageninhalts"). Es bremst die Passage und verbessert die Verdauung.

  2. Viele kleine Mahlzeiten: Nie mehr als 0,2 kg Kraftfutter pro 100 kg Körpergewicht pro Mahlzeit (ca. 1-1,5 kg für ein Großpferd ist die absolute Obergrenze, besser weniger), um den Dünndarm nicht zu überfluten.

  3. Bedarf prüfen: Sei ehrlich zu dir selbst. Nimmt dein normalgewichtiges Pferd ohne Kraftfutter ab? Nein? Dann braucht es vermutlich kein Kraftfutter, sondern nur ein gutes Mineralfutter.

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