
Tempo und Takt
Wenn Schnelligkeit den Takt zerstört
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In der modernen Dressur dreht sich viel um Spektakel – um hoch geworfene Beine, extreme Bewegungsentfaltung und maximale Verlängerung der Tritte. Doch wenn wir hinter die Kulissen schauen, sehen wir oft kein kraftvolles Pferd, sondern ein gehetztes Fluchttier. Wir analysieren hier, warum das moderne "Gasgeben" biomechanisch und lernpsychologisch in eine Sackgasse führt.
Impuls oder Dauertreiben
Bevor wir über die Beine des Pferdes sprechen, müssen wir über die Beine des Reiters sprechen. Um die spektakulären Verstärkungen zu "erzwingen", sieht man oft Reiter, die jeden Tritt herausquetschen.
Das Nervensystem des Pferdes (wie auch das des Menschen) ist darauf programmiert, Dauerreize auszublenden. Es ist wie das Summen eines Kühlschranks. Anfangs hörst du es, nach 10 Minuten blendet dein Gehirn es aus. Wenn dein Schenkel dauerhaft drückt oder klopft, wird er für das Pferd zum "Hintergrundrauschen". Das Pferd stumpft ab (Desensibilisierung).
Da das Pferd auf den Dauerdruck nicht mehr reagiert ("es ist faul"), erhöht der Reiter den Druck. Es kommen Sporen und Gerten zum Dauereinsatz. Das Pferd wird nicht feiner, sondern "toter" im Bauchbereich.
Ein dauerhaft fest klopfender Schenkel oder Sporn löst beim Pferd einen reflexartigen Schutzmechanismus aus. Es spannt die Bauchmuskeln statisch an (verkrampft), um sich gegen den Schmerz/Druck zu schützen.
Aber ein verkrampfter Bauchmuskel kann den Rücken nicht mehr zum Schwingen bringen. Das Pferd wird fest, die Atmung stockt, und die Bewegung verliert ihre natürliche Elastizität.
Wichtig: Eine Hilfe muss ein kurzer Impuls sein, auf den sofort eine Pause (Belohnung) folgt. Nur in der Pause lernt das Pferd. Dauertreiben löscht die Reaktion.
Takt vor Tempo
Für die alten Meister ist der Takt heilig. Er ist der Herzschlag der Bewegung.
Es ist nicht nur der Rhythmus (1-2, 1-2), sondern das Gleichmaß der Kraftentfaltung.
Viele verwechseln Eile mit Schwung.
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Schwung entsteht aus der federnden Kraft der Hinterhand, die den Rücken anhebt (Schub aus der Tiefe).
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Eile entsteht, wenn das Pferd seinen Schwerpunkt verliert und den Beinen "hinterherläuft", um nicht auf die Nase zu fallen.
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Die klassische Regel: Eine Verstärkung ist keine "Flucht nach vorn", sondern der Beweis, dass das Pferd durchlässig genug ist, mehr Schub aus der Hinterhand durch den Körper fließen zu lassen, ohne schneller zu werden (Frequenz bleibt gleich, Raumgriff wird größer).
Warum niemand Schritt reitet
Beobachte einmal eine typische Reitstunde: Das Pferd wird am langen Zügel im Schritt "warmgebummelt", und sobald die Zügel aufgenommen werden, wird fast nur noch getrabt und galoppiert. Warum?
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Der Schritt ist die schwerste Gangart. Warum? Weil dem Pferd hier der Schwung fehlt, der im Trab und Galopp Balanceprobleme vertuschen kann. Im Schritt muss das Pferd jeden Fuß bewusst setzen und sich aus eigener Muskelkraft in der Balance halten.
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Im Trab wirkt die Masse wie ein Schwungrad – das stabilisiert. Im Schritt wackelt und schwankt ein nicht ausbalanciertes Pferd sofort. Viele Reiter meiden diese Arbeit, weil es sich "unrund" anfühlt, und flüchten sich in das Tempo.
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Es wird oft großen alten Meistern (wie Gustav Steinbrecht) zugeschrieben, sinngemäß gesagt zu haben:
"Die schwerste aller Lektionen ist nicht die Piaffe oder der Einerwechsel, sondern ein schnurgerader Wechsel durch die Länge der Bahn im reinen, versammelten Schritt." Hierbei muss das Pferd absolut gerade sein, durchlässig an den Hilfen stehen und den Takt halten, ohne Taktstörungen zu zeigen – eine Meisterleistung, die heute kaum noch zu sehen ist.
Die fehlende Rahmenerweiterung
Hier kollidiert die Anatomie mit der modernen Turnierpraxis. Du kannst ein Pferd nicht vorne festhalten und hinten "Gas geben", ohne dass etwas kaputtgeht.
Damit das Pferd die Tritte verlängern kann (die Hinterbeine weit unter den Bauch schwingen), muss es den Rücken aufwölben. Das geht anatomisch nur, also wenn die Nase vor die Senkrechte kommt und der Hals sich dehnt.
Oft sieht man Pferde im Starken Trab, die hinten wild strampeln (durch Dauertreiben), aber vorne eng im Hals und oft sogar hinter der Senkrechten sind.
Die Konsequenz:
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Der Rücken wird weggedrückt (fest).
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Die Hinterbeine können nicht unter den Schwerpunkt fußen (weil das Becken blockiert ist).
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Das Pferd schaufelt die Hinterbeine nur nach hinten raus.
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Es entsteht ein gewaltiger Stoß auf die Vorhand, da das Pferd nicht trägt, sondern auf die Schulter fällt.
Wichtig: Wahre Verstärkung braucht Platz. Ohne Rahmenerweiterung (Hals und Nase vor!) ist jeder starke Trab nur eine spektakuläre Verspannung.
Taktverlust im Schritt (Pass)
Der Schritt lügt nicht. Er ist die Gangart, die keine Spannung toleriert. Hier rächt sich das Dauertreiben und die Handspannung am deutlichsten.
Ein korrekter Schritt ist ein klarer Vier-Takt. Durch die massive Spannung im Rücken (verursacht durch Zwang in der Haltung und Dauertreiben) "friert" die Bewegung im Rücken ein. Das Pferd bewegt die gleichseitigen Beinpaare fast gleichzeitig (lateral). Es entsteht Pass.
Ein Pferd, das im Schritt Pass geht, ist nicht losgelassen. Punkt. Dass solche Pferde im modernen Sport oft trotzdem hohe Noten erhalten, nur weil sie im Trab die Beine werfen, ist eine Bankrotterklärung des Richtverfahrens. Eigentlich müsste hier die Note drastisch sinken, da die Basis der Ausbildungsskala (Takt & Losgelassenheit) fehlt.
Ruhe, Impuls und Ehrlichkeit
Für dich als Reiter, der es besser machen will:
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Mut zum Schritt: Arbeite dein Pferd gymnastisch im Schritt. Übe das Geraderichten (durch Seitengänge) auch auf der Mittellinie. Wenn das klappt, ist der Rest einfach.
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Erziehe zur Selbsthaltung: Dein Pferd muss lernen, das Tempo selbstständig zu halten, ohne dass du jeden Tritt treibst. Treibe einmal, und dann mach nichts, bis das Pferd langsamer wird. Dann korrigiere. Aber "trage" das Pferd nicht mit deinen Waden.
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Rahmen geben: Wenn du verstärken willst, musst du die Hand deutlich vorgeben. Trau dich, den Rahmen zu öffnen. Nur ein langes Pferd kann ein großes Pferd sein.
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Qualität vor Quantität: Ein taktreiner, kleinerer Trab über den Rücken ist gymnastisch wertvoller als ein spanniger "Lampenaustreter-Trab", bei dem der Rücken fest ist.
