
Weide
Grünes Gold oder süßes Gift?
​
Wir alle haben dieses romantische Bild im Kopf: Das Pferd, das den ganzen Tag zufrieden im kniehohen Gras steht. Doch die biologische Realität sieht anders aus. Unsere modernen Weiden sind oft auf Hochleistung für Milchkühe gezüchtet (viel Energie, viel Eiweiß, wenig Struktur) und haben mit dem kargen Steppengras, auf das der Pferdemagen ausgelegt ist, nichts mehr zu tun.
Die Formel "Viel Weide = Viel Gesundheit" ist oft falsch. Im Gegenteil: Unbegrenzter Weidegang ist für viele Freizeitpferde der direkte Weg in die Stoffwechselentgleisung.
Das Fructan
Fructan ist das Schreckgespenst vieler Pferdebesitzer, wird aber oft falsch verstanden. Es ist nicht einfach nur "Zucker", es ist ein spezieller Energiespeicher der Pflanze, dessen Gehalt extrem schwankt – abhängig von Licht und Temperatur.
Der Mechanismus
Um das Risiko einzuschätzen, musst du verstehen, wie Gras "denkt":
-
Aufladen (Photosynthese): Sobald die Sonne scheint, produziert die Pflanze Energie (Zucker).
-
Verbrauchen (Wachstum): Um diese Energie in Faser (Wachstum) umzuwandeln, benötigt die Pflanze Wärme (Je nach Sorte in der Regel über +12°C) und Wasser.
-
Der Fructan-Stau: Wenn die Sonne scheint (Energie wird produziert), es aber zu kalt zum Wachsen ist, muss die Pflanze die Energie irgendwo lassen. Sie wandelt den Zucker in Fructan um und speichert ihn im Stängel zwischen.
Wann wird es gefährlich?
Das Risiko lauert immer dann, wenn Licht auf Kälte trifft.
-
Unter +12°C (Wachstumsstopp): Sobald die Temperaturen (vor allem nachts) unter ca. 12°C fallen, stellt das Gras das Wachstum fast vollständig ein. Der Zucker, der tagsüber durch die Sonne produziert wurde, wird nachts nicht verbraucht, sondern bleibt als Fructan gespeichert.
-
Das Hochrisiko-Szenario: Eine kalte Nacht (unter 12°C) gefolgt von einem sonnigen Morgen. Hier ist der Fructangehalt extrem hoch, da der Speicher noch voll von gestern ist und die neue Sonne sofort neuen Zucker produziert, der nicht verbaut werden kann.
Dies betrifft klassischerweise das Frühjahr und den Herbst, aber auch kalte Sommernächte. Wenn es im Sommer nachts stark abkühlt (unter 12°C) und der nächste Tag strahlend sonnig ist, kann auch die Sommerweide zur Rehefalle werden.
-
Über +12°C bis +15°C (Sicheres Wachstum): Wenn die Nächte warm bleiben (bedeckt und warm ist ideal), "arbeitet" die Pflanze die ganze Nacht durch. Sie veratmet die Energie für das Wachstum. Morgens ist der Fructanspeicher dann leer.
Warmes, trübes "Wachstumswetter" oder Regenwetter bei warmen Temperaturen ist für rehegefährdete Pferde oft sicherer als strahlender Sonnenschein bei kühlem Wind.
Was passiert im Pferd?
Der Pferdedarm kann Fructan nicht wie normalen Zucker verdauen.
Dem Pferd fehlen im Dünndarm die Enzyme, um Fructan aufzuspalten. Es fließt unverdaut weiter.
Im Dickdarm stürzen sich Bakterien auf diese Energiemassen. Es kommt zu einer explosionsartigen Gärung. Dabei entsteht massiv Milchsäure. Der pH-Wert im Darm kippt, das Milieu wird sauer (Azidose).
Die guten Bakterien sterben ab und setzen Endotoxine (Leichengifte) frei. Diese gelangen ins Blut und lösen in der Huflederhaut die gefürchtete Entzündung aus – die futterbedingte Hufrehe.
Das Eiweiß-Energie-Verhältnis
Neben dem Fructan ist das extreme Missverhältnis zwischen Eiweiß und Energie auf üppigen Weiden ein massives Problem.
Junges, sattes Gras liefert oft viel zu viel Eiweiß bei gleichzeitig extrem hoher Energie (Zucker). Ein Freizeitpferd benötigt diese Mengen schlichtweg nicht.
Überschüssiges Eiweiß kann nicht einfach "gespeichert" werden wie Fett. Es muss abgebaut werden. Dabei entsteht Ammoniak, ein starkes Zellgift. Die Leber muss den giftigen Ammoniak mühsam in Harnstoff umwandeln, der dann über die Nieren ausgeschieden wird. Dieser Entgiftungsprozess kostet den Körper paradoxerweise enorm viel Energie und Wasser.
Kurzzeit-Folgen: Du bemerkst oft angelaufene Beine (Lymphstau durch Überlastung), angelaufene Gallen, Mattheit, Triebigkeit (die Leber ist müde) oder häufiges Urinieren.
Langzeit-Folgen: Über Jahre führt diese Eiweißmast zu chronischen Leber- und Nierenschäden. Der Stoffwechsel entgleist, was Tür und Tor öffnet für EMS (Equines Metabolisches Syndrom), Insulinresistenz und Fettleibigkeit.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Warnung vor Fructan ist keine Panikmache, sondern basiert auf jahrzehntelanger Forschung. Zwei zentrale Forschungsbereiche sind hier entscheidend:
1. Der Beweis der Auslösung
Der australische Forscher Prof. Christopher Pollitt (Australian Equine Laminitis Research Unit) gilt als der "Vater" der modernen Hufrehe-Forschung.
In seinen bahnbrechenden Studien (u.a. Anfang der 2000er Jahre) konnte er nachweisen, dass eine hohe Dosis Fructan (Oligofructose) bei gesunden Pferden innerhalb von 24 bis 48 Stunden zuverlässig eine Hufrehe auslöst.
Er belegte damit den oben beschriebenen Weg: Fructan-Überladung → Übersäuerung des Dickdarms → Bakteriensterben → Toxine im Blut → Entzündung der Huflederhaut.
2. Das Verhalten der Gräser (Longland & Harris)
Die britischen Forscherinnen Dr. Annette Longland und Dr. Patricia Harris (Waltham Equine Studies Group) haben intensiv erforscht, wann Weidegras gefährlich ist.
In ihrer viel zitierten Arbeit "Pasture Non-Structural Carbohydrates and Equine Laminitis" (2006) untersuchten sie die Schwankungen von Fructan in Abhängigkeit von Wetter und Tageszeit.
Sie bestätigten, dass kalte Nächte (unter 8°C) in Kombination mit sonnigen Tagen zu einer massiven Akkumulation von Fructan führen. Sie zeigten auf, dass der Fructangehalt im Gras innerhalb weniger Stunden drastisch schwanken kann – von "sicher" bis "hochgefährlich", je nach Sonneneinstrahlung und Temperatur.
Weniger ist mehr
Die Weide sollte für die meisten Pferde eher als "Gemütlichkeits-Topping" und Bewegungsraum gesehen werden, nicht als Hauptnahrungsquelle.
Stundenlanger Weidegang auf fettem Gras ist für das moderne Freizeitpferd oft gesundheitsschädlich.
Schau nicht nur auf den Kalender, sondern auf das Thermometer. Sonne + Kälte = Gefahr. Warm + Bedeckt = Sicherer.
Portionierte Weiden (Steckzaun), der Einsatz von Fressbremsen (Maulkörben) oder das vorherige Auffüttern mit Heu sind essenziell, um die Aufnahme zu drosseln.
